I am Commander Shepard and this is my favorite…GOAT?

Nein, ich bin nicht plötzlich einem Glitch in der Matrix zum Opfer gefallen und habe mitten im Satz einen vermeintlichen Fetisch offenbart. Ich mag ja Ziegen gerne, es sind wirklich zuckersüsse, wenn auch etwas eigenwillige Tiere, ich habe sogar mal für fünf Minuten den Goat Simulator gespielt, aber um Ziegen geht es hier ja gar nicht. GOAT steht einfach für Game of All Time.

Ich bin Vollblutgamer und mein Hobby bestimmt einen Grossteil meines Lebens. Über die Jahre habe ich aberhunderte von Titel gespielt, an viele erinnere ich mich gar nicht mehr. Einige stechen aber heraus. Von diesen wiederum gibt es ein paar wenige, die sich für immer einen Platz in meinem grossen Pixelherz gesichert haben. Es sind Könige ihrer Genres – auserwählte Speerspitzen der elektronischen Unterhaltung. Nur eine Handvoll dieser Auserwählten erhebt sich in den Pantheon meiner persönlichen Videospielgötter. Mass Effect – eine Videospielserie, die ursprünglich zwischen 2007 und 2012 erschien und in ein paar Wochen als aufpoliertes Remaster wieder auf dem Markt kommt, ist unter diesen meinen Göttern der Primus inter pares.

Shepards Kampf gegen die Reaper ist legendär. Niemals zuvor (und auch nicht mehr dannach) versank man derart tief in ein faszinierendes Universum, verschmolz man derart umfassend mit der eigenen Spielfigur und investierte emotional so viel in virtuelle Erfolge und Beziehungen. Man formte Freundschaften und Bündnisse und drückte einer ganzen Galaxie den eigenen Stempel auf. Man traf Entscheidungen, deren Folgen erst im nächsten und sogar übernächsten Spiel spürbar wurden. Über drei Spiele hindurch und insgesamt mindestens 80-100 Stunden lang führte man einen aussichtslosen Krieg gegen die Reaper – mittlerweile Villain-Ikonen in den Annalen der Gaming-Geschichte.

Fünf Jahre lang dominierte Mass Effect die Gaming Industrie, scharrte ein unfassbare Fangemeinde hinter sich, sprintete von Superlativ zu Superlativ und stolperte, nach Meiniung vieler, auf den letzten Metern. Die „Enttäuschung“ über das Ende wurde zu einem Politikum in der Spieleindustrie. Petitionen wurden gestartet, EA verteufelt (gut, das ist nichts neues) und Bioware angeprangert. Viele Spieler fühlten sich verraten – ein Spiel, in dem jede persönliche Entscheidung eine entsprechende Konsequenz hatte, endete offenbar für tausende und abertausende von Spieler nicht so einzigartig individuell, wie sie es sich gewünscht hatten. Was für eine Überraschung! Und natürlich war Bioware daran schuld, dass überrissene, individuelle Erwartungshaltungen enttäuscht wurden! Der Aufschrei war so gross, dass die Spieleentwickler gezwungen wurden das Ende (!) zu überarbeiten. Was für ein Sieg der Twitter/Snowflake-Generation gegen die künstlerische Freiheit. Vergessen waren die grossen und kleinen Abenteuer, die man in drei Spielen erlebt hatte, die geschmiedeten Freundschaften waren bedeutungslos – alles wurde auf die letzten 30 Minuten eines 80-100 Stunden langen Epos reduziert.

Ich fand das schon damals völlig irrsinnig und kann es auch heute noch nicht nachvollziehen, aber offenbar ist für viele Spieler eine Mahlzeit nur dann schmackhaft und gut, wenn der letzte Bissen, mit Verlaub, nicht ausgekotzt wird.

Als ich die letzten 30 Minuten von Mass Effect 3 spielte, regte ich mich nicht auf. Ich war mit meinem Alter Ego namens Ushan Shepard mittlerweile verschmolzen und stand wie angewurzelt da. Die Worte des Starchild/Catalyst dröhnten noch in meinem Kopf:

You have to choose… This cycle will end!

Ich wusste, dass dies das Ende war. Das Ende einer Reise, die auf Eden Prime begann und nun mit dem Schicksal der Galaxie auf der Crucible enden musste. Ich liess das Erlebte Revue passieren – die erste Begegnung mit den Husks, die Wahrheit über die Geck und die Quarianer, das Schicksal des Thorian und der Rachni Königin, das erste Gespräch mit Sovereign auf Virmire, Sarens verzweifelter Selbstmord, meine Liebesbeziehung zu Liara, mein eigener Tod durch die Hand der Collectoren, denn Dienst am Illusive Man, Thanes traurige Geschichte, die Freundschaft mit Garrus, Jokers Sprüche, die Begegnung mit Legion und der Flug durch das Omega Relay, der Kampf mit Harbingers Schergen um die Reaper Basis, den Human Reaper, den Reaper Angriff auf die Erde, den Shadow Broker und die Suche nach dem Leviathan, Legions Opfer für die Quarianer, der Angriff der vereinigten Allianz auf die Reaper, der Sturm auf die Citadel…

Ushan Shepard stand wie angewurzelt da, der Controller wartete auf die Eingabe, das Spiel pausierte im Limbo seiner Programmierung – unfähig alleine fortzufahren.

Vassil stand wie angewurzelt in seinem Wohnzimmer, starrte geistesabwesend auf den Fernsehbildschirm mit der Eingabeaufforderung und die Emotionen übermannten ihn – eine Träne lief über seine Wange, er setzte sich auf den Boden, vergrub sein Gesicht in seine Hände und verweilte noch einige Augenblicke in diesem Moment.

Ich treffe also den Catalyst, jenes uralte Wesen dessen Geist ein Teil der Citadel ist und das die Citadel, die Masseportale UND die Reaper erschaffen hat. Und dieses Wesen offenbart mir die furchtbare Wahrheit hinter den Reapern. Ich erinnere mich an Sovereigns Worte auf Virmire – „Ihr könnt es nicht verstehen!“ Doch jetzt muss ich es verstehen und ich stehe vor der Wahl. Zerstöre ich die Reaper werden organische Lebewesen irgendwann wieder Synthetische herstellen, es wird wieder Krieg geben mit Maschinen. Und wenn ich die Reaper zerstöre müssen auch die Geth sterben, was ich aber nicht will. Ich möchte nicht, dass Legions Opfer umsonst war… Übernehme ich die Kontrolle über die Reaper, werden die Cycles endlos weitergehen, vielleicht weniger apokalyptisch, aber nicht weniger unaufhaltsam. Oder sorge ich dafür, dass eine Synthese zwischen biologischen und mechanischen Lebewesen entsteht? Eine neue DNA, eine unbekannte Zukunft?

Ich entschied mich für die Synthese. Damit habe ich die 50’000 jährigen Cycles beendet und die Galaxie für immer gerettet. Ich habe die Citadel verloren, die Masseportale etc. Aber ich habe der Galaxie eine Zukunft gegeben, eine saubere Zukunft, eine ungewisse Zukunft, die neu gestaltet werden kann. Für diese Zukunft opfere ich mich gerne. Ich weiss nicht, ob die Genophage wirklich geheilt wurde und das Bündnis zwischen Turianer, Kroganer und Salarianer Bestand haben wird. Ich weiss nicht, ob der Frieden zwischen Quarianer und Geth ewig währen wird. Ich weiss nicht was mit Liara, meiner Liebe, passiert, oder ob Joker und EDI zusammen bleiben werden. Ich weiss nicht, ob Garrus auf seine alten Tage endlich zur Ruhe kommen wird. Ich will es auch gar nicht wissen. Ich will es nur hoffen können und ich kann hoffen. Mein Opfer war nicht umsonst. The cycle has ended.

Für mich definiert sich eine Geschichte nicht ausschliesslich über das Ende. Vielmehr definiert sich ein Ende und dessen Bedeutung durch das was man vorher erlebt hat. Mass Effect erzählt eine brilliante Geschichte, die ich durch aktives Zutun mitformen und gestalten durfte. Dadurch wurde es meine Geschichte, mit meinem Ende.

In ein paar Wochen wird die Mass Effect-Trilogie als Remaster erscheinen und es wird das erste Mal sein, dass ich es überhaupt in Erwägung ziehen werde die gesamte Trilogie noch einmal zu spielen. Rollenspiele zeichnen sich ja dadurch aus, dass man in verschiedene Rollen schlüpfen kann oder man einen Charakter in verschiedene Richtungen entwickeln kann. Bei Mass Effect ist das für mich unmöglich. Die Geschichte die ich von 2007 bis 2012 mit Commander Shepard erlebte ist meine einzige Mass Effect Geschichte. Ich werde das Remaster wieder spielen, aber ich weiss jetzt schon, dass ich es genau so spielen werde, wie ich es beim ersten Mal gespielt habe. In diesem Sinne wird mir der Remaster Release keine neue Erfahrung bescheren, sondern eine Bestätigung. Eine Bestätigung, dass die Mass Effect Trilogie tatsächlich mein GOAT ist, ein Primus inter pares, der zusammen mit dem Jäger und der Puppe aus dem Jägeralbtraum, dem namenlosen Astronaut, der den Niemandshimmel erkundet, Riley von 4546B, Joker und den Phantom Thieves und Link den Pantheon meines Hobbys bildet.

Ich liebe Videospiele!

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