Sean Murray, der Kopf hinter dem Entwicklerstudio Hello Games, ist ein Stehaufmännchen wie es im Buche steht. Ein eigenwilliger Vollblutgamedesigner, der von Sony widerwillig ins Rampenlicht gezerrt und danach unter den sprichwörtlichen Bus geworfen wurde (engl. Sprichwort «to throw under the bus»), nur um das negative Feedback und den Hass, der ihm entgegenschlug, als Motivator zu nehmen und still und verbissen weiterzuarbeiten. So lange bis ein kleines, obskures Indiegame mit schlechten Gameplaymechaniken und schamlosen Target-Demo-Trailer-Lügen zu einem glänzenden Juwel wurde, in welches ich schon fast 600h versenkt habe. Seit dem Release sind bis heute 5 Jahre vergangen. Hello Games veröffentlichte mittlerweile 12 grosse Updates, ohne auch nur einen Rappen dafür zu verlangen. Fertig ist das Spiel noch lange nicht – ein einzigartiger Work in Progress in der Spielebranche.
Was ist passiert?
Hello Games veröffentlichte No Man’s Sky im Sommer 2016. Es war ein einzigartiges Konzept, dass viel «Buzz» generierte – simuliert werden sollte nämlich nichts weniger als die Unendlichkeit des Universums. Dazu wurde ein prozedurales System entwickelt, welches aus verschiedenen Bestandteilen unendliche Kombinationen an Sternensystemen generierte – Millionen und Abermillionen von Sternen bildeten die sogenannte Euclid-Galaxie, die Startgalaxie für alle NMS-Spieler. Jeder Stern konnte angeflogen werden und verfügte über mindestens zwei und höchstens 6 Planeten (dazu noch mehrere Monde). Auf jedem Planeten konnte gelandet werden. Es galt Rohstoffe abzubauen, Technologie upzugraden, die prozeduralen Flora, Fauna und Planetenoberflächen zu bestaunen und weiterzufliegen. Warum das Ganze? Keine Ahnung… Wohin flog man eigentlich? Naja…ins Zentrum der Galaxie! Und dann? Keine Ahnung…
Es schien wie eine Lüge, die die Trailer den geneigten Spieler auftischten. Dass Sean Murray in verschiedenen Interviews denn auch tatsächlich log, verschlimmerte die Situation noch weiter. Doch Sean und Hello Games hatten nicht vor No Man’s Sky fallenzulassen, wie die grossen Publisher und die weltweite Spielerschaft Hello Games fallen liess. Ein Jahr später fügte das «Foundation» Update den Basenbau ein, «Pathfinder» brachte Fahrzeuge, «Atlas Rises» stellte die bisher vorhandene «Story» auf den Kopf. Allein mit diesen drei Updates war No Man’s Sky kaum noch wiederzuerkennen – hatte man in der Vanillaversion theoretisch das ganze Spiel nach 30 Minuten gesehen, konnte man nun schon Stunden darin verbringen. «Next» bündelte die bisherigen Updates und bildete somit bald die neue Grundversion von No Man’s Sky – wer das Spiel noch nicht hatte, konnte es in dieser Version kaufen, wer es schon hatte erhielt die Updates automatisch und unentgeltlich. Es folgten «The Abyss», welches die Unterwasserwelten einführte und «Visions», welches sich voll und ganz dem visual overhaul widmete. Es war die nächste Transformation des einst hässlichen Entleins – es wurden neue Biome, Effekte, Planetentypen, Flora und Fauna implementiert. Diese zwei Updates bündelte Hello Games wieder zur neuen Basisversion von No Man’s Sky, verkaufte sie im Laden, stellte aber allen bisherigen Käufern die Updates wieder gratis zur Verfügung. 2019 und 2020 folgten dann «Synthesis», «Living Ship», «Exo Mech» und «Desolation» – ersteres implementierte die von der Community am häufigsten gewünschten Quality of Life Improvements, zweiteres fügte eine ganz neue Schiffsklasse ein – die sog. Alienschiffe, «Exo Mech» erweiterte den Fuhrpark um… naja … eine Exo Mech und «Desolation» erlaubte das Aufspüren und Looten verlassener Frachter im Weltraum. 2021 sah die letzten zwei grossen Updates namens «Companions» und «Expeditions». Dank «Companions» konnte man nun endlich Haustiere adoptieren, züchten und weiterentwickeln, reiten, melken etc. «Expeditions» widmete sich dann endlich eine der «grössten Lügen» des Initialreleases von 2016 – dem Multiplayer. Endlich ist es in No Man’s Sky möglich mit bis zu 6 Freunden gemeinsame Abenteuer zu bestreiten und das Spiel im Co-Op zu spielen.
Und da sind wir nun im Jahre 2021 – sechs Jahre nach Release und zwölf Updates später. Die Corona-Pandemie ist noch in vollem Gange und wie lange diese medizinische Ausnahmesituation noch anhalten wird, kann niemand abschätzen. Social Distancing und Lockdowns bestimmen seit über einem Jahr unseren Alltag. Home-Schooling und Home-Office beschäftigen uns permanent in den eigenen vier Wänden. Die Decke droht uns auf dem Kopf zu fallen. War das Zuhause früher der Rückzugsort zum Auftanken, sind die eigenen vier Wände heute Schule, Büro, Restaurant und Spielplatz in einem. Für mich persönlich entpuppte sich dabei No Man’s Sky als legitime Fluchtstrategie, um dem anstrengenden Alltag, der einem nun auch zu Hause auf die Pelle rückte, doch noch ein Schnippchen zu schlagen. Ins Raumschiff zu steigen, den Hyperantrieb anzuwerfen und auf Gut Glück einen Stern anzusteuern hatte in Zeiten, in denen man nicht mal mehr in den Quartierladen durfte, irgendwie einen ganz besonderen Reiz:
Ich darf im RL (A.d.A. Real Life) nicht mehr reisen? Dann fliege ich halt auf einen anderen Planeten und befriedige mein Fernweh, indem ich ausserirdische Panoramen geniesse.
Ich darf im RL nicht ins Restaurant? Dann baue ich mir eine ganze, mehrere Planeten umspannende Franchisekette!
Ich darf im RL nicht mehr in die Kirche? Meine Hauptbasis auf der Welt «Samalucra II» verfügt sogar über eine Kathedrale, die ich über 28h lang gebaut habe.
Ich darf im RL keine Freunde treffen? Headset aufsetzen, zur Anomalie fliegen und dort Menschen aus der ganzen Welt «treffen».
No Man’s Sky 2021 ist ganz anders als No Man’s Sky 2016 und dennoch ist es immer noch dasselbe Spiel. Es hat immer noch kein Ziel, ausser dem Ziel, das man sich selber setzt. Und auch im RL ist das so (jedenfalls bei mir) – das echte Leben kommt ohne Bedienungsanleitung, Meilensteine, Achievements und garantierte persönliche Befriedigung daher. Was man machen erreichen will entscheidet man in jedem Augenblick selber. Sean Murray und Hello Games haben diese Lebenswahrheit genommen und in den Spielebereich transferiert. Nach und nach haben sie alle Instrumente nachgeliefert, die es Spielern erlauben sich selbst grenzenlose Ziele zu setzen und diese allein oder innerhalb einer Gemeinschaft zu erreichen. Vor allem in den letzten zwei Jahren, als die Welt Corona bedingt auf das eigene Zuhause zusammenschrumpfte, erlaubte es gerade No Man’s Sky die ganz grossen Träume weiter zu träumen und ist für mich persönlich mittlerweile Inbegriff und Paradebeispiel von elektronischem Eskapismus. Die Reise, die 2016 begann ist noch lange nicht vorbei und ich bin gespannt wo sie uns, dank Sean Murray, noch hinführen wird. Ich für meinen Teil erfreue mich an jeder Minute, die ich mit diesem herausragenden Stück Software verbringen kann. Danke, Sean! Du und Dein Spiel haben erheblich dazu beigetragen, dass ich mir in den letzten zwei Jahren meine geistige Gesundheit bewahren konnte und immer einen Zufluchtsort hatte, um die Batterien aufzuladen – im hüfthohen, rosaroten, sanft im Wind wippenden Gras von «Samalucra II» sitzend, die Gischt des goldenen Wassers und die sanft dahinziehenden blauen Wolken am lapislazulifarbenen Himmel beobachtend und hoffnungsvoll und zufrieden in die Zukunft blickend, sowohl virtuell als auch real.