Super Mario 64 – Eine Liebeserklärung

Darüber, wie bahnbrechend und wegbereitend Super Mario 64 war, als es 23. Juni 1996 in Japan (und am 1. März 1997 in Europa) erschienen ist, wurde schon vieles geschrieben. Überhaupt wurde wohl schon so ziemlich alles über dieses Spiel geschrieben, was es zu schreiben gibt.

Jedes Geheimnis wurde bereits entdeckt, jeder Glitch (oder Fehler) in der Spielwelt wurde durch ausgefuchste Speedrunner und andere SM64-Experten ausgelotet, jeder Stern und jede Münze gesammelt und talentierte Coder haben den Source Code des Spiels bereits so dermassen auseinander genommen, dass es auf orginaler Hardware mittlerweile mit wunderschön flüssigen 60fps laufen könnte.

Warum also schreibe ich nun den dreimillionsten Text über dieses Spiel, wo doch aktuell kein runder Geburtstag oder gar eine bahnbrechende Entdeckung ansteht? Nun… der Text ist emotionaler Natur. Als Super Mario 64 die Videospielwelt auf den Kopf stellte und eindrucksvoll demonstrierte, wie nahezu perfekt man eine Kultserie wie Super Mario Bros. von der 2D- in die 3D-Welt holen kann (nahezu weil… nun ja, auch mehr als 25 Jahre später kann die Kamerasteuerung manchmal einen Strich durch die Rechnung machen … aber hey.. es waren die ersten Gehversuche!), befand ich mich in meinem 13. Lebensjahr. Witzig, eigentlich. Denn weil einem die Erinnerung des öfteren mal einen Streich spielt, fühlt es sich eher so an, als war ich damals 8 Jahre alt und noch voller kindlicher Faszination.

Super Mario 64, N64 / 1996 (Quelle: mobygames.com)

Man war sich damals noch mehrheitlich zweidimensionale Welten und somit zweidimensionales Gameplay gewohnt – und so war es wenig verwunderlich, dass die Kinnlade den Boden küssen wollte, als ich bei meinem damaligen besten Kumpel ohne Voreingenommenheit die ersten Bewegungen von Mario in einem dreidimensionalen Raum gesehen habe, sofort erkannt habe, wie „grenzenlos“ der Bewegungsradius ist und man keine Angst vor Wasser haben musste, weil es in dieser neuen Welt schliesslich möglich war zu schwimmen. Das Unvorstellbare wurde möglich: Man sprang mit Mario ins Wasser, tauchte ab, tauchte auf und ging wieder an Land. Und man tat es immer wieder. Und wieder. Man konnte es vor lauter Pipi in den Augen kaum glauben. Die kindliche Faszination eines Achtjährigen flammte im fast Dreizehnjährigen wieder auf.

Ich komme an dieser Stelle nochmals darauf zurück, warum ich diesen Text eigentlich schreibe. Nicht einfach nur deswegen, weil ich in Erinnerung schwelge und der Nostalgiehammer gnadenlos zugeschlagen hat. Nicht einfach nur deswegen, weil es sich auch 26 Jahre nach seinem Erscheinen immer noch fantastisch spielt und mittlerweile auch auf einer Konsole wie der Nintendo Switch erschienen ist. Nein… es war eines der ersten Videospiele, die ich meinem kleinen Sohn nähergebracht… gezeigt habe. Und es ist eines der ersten Videospiele, die ich mit ihm durchgespielt habe.

Wohlgemerkt, Super Mario 64 wird an gewissen Stellen nicht einfacher, wenn drei Hände (meine beiden plus die rechte Hand von Theo am „Sprung-Knopf“) einen einzigen Controller bedienen. Aber es war dennoch extrem faszinierend zu sehen, wie die eigene Faszination – von damals wie von heute – auf meinen dreieinhalbjährigen Theo rübergesprungen ist. Seit seinem ersten gesammelten Stern war er Feuer und Flamme für Super Mario 64. Und weil ich ihm erklärt habe, was das erklärte Ziel des Spiels ist – mindestens 70 Sterne zu sammeln, dann ein letztes Mal Bowser gegenüberstehen, um endlich die Prinzessin zu retten -, war es auch das, was ich im Verlaufe unseres Durchgangs mindestens (!) 70 mal zu hören bekommen habe.

„Papa? Jetzt ‚Powsel‘ goh? Jetzt ‚Pinzässin‘ rette?“ – und jedes Mal war die Erklärung, mit leichten Abweichungen, die gleiche: „Gli, Theo – lueg mir müend no 25 Sterne sammle“ – dann waren es noch 15, dann 12, dann 3. Und Theo wurde immer aufgeregter. Er spürte bereits in diesem zarten Alter, dass der ultimative Bosskampf in Bälde und unausweichlich bevorsteht. Wir standen nun also im obersten Stockwerk des Schlosses vor Bowsers gemaltem Antlitz und sprangen in dieses dunkle, schwarze Loch – ins Ungewisse. Wir fanden uns in dieser letzten, finalen Welt wieder. Hüpften und sprangen von Plattform zu Plattform, um unser Leben. Überall lauerten Gefahren. Feuerstösse, rotierende Plattformen, zuckende Energiekugeln, die schwelende Gumba-Gefahr – und natürlich, omnipräsent, der ewige Abgrund, in den man des öfteren gefallen ist. Und plötzen waren wir da. Standen vor dieser letzten grünen Röhre, im Wissen darüber, dass es diese sein wird, die uns in Bowsers ultimative Kampfarena führt.

Super Mario 64, N64 / 1996 (Quelle: mobygames.com)

Wir liessen Revue passieren, was wir auf dem steinigen Weg bis vor diese letzte grüne Röhre alles gesehen und erlebt haben:

– Wir haben zusammen gegen das Böse innerhalb diverser Gemälde gekämpft.
– Wir liessen uns wie eine Kanonenkugel durch die Lüfte schiessen.
– Wir bekämpften in den Untiefen der Wasserwelt einen gefürchigen, riesigen Aal.
– Wir verwandelten uns in Metall-Mario und konnten am Grund eines Sees entlang laufen.
– Wir haben in den Tiefen einer Höhle Nessie gefunden und sind auf dessen Rücken gestanden.
– Wir machten heisse Lavawelten unsicher und sprangen in das Innere eines Vulkans.
– Wir entdeckten ein Geheimnis im Inneren der grossen Pyramide.
– Wir klammerten uns an einer Eule fest und flogen durch die Lüfte.
– Wir befanden uns hoch oben über den Wolken auf einem fliegenden Teppich und schwebten an einem Regenbogen entlang.
– Wir brachten im Schneeland einer Pinguin-Mama ihr Baby zurück (oder warfen wir es über die Klippe? Ihr werdet es nie erfahren, hrhrhrhr).
– Wir haben im Kellergeschoss des Schlosses einen goldenen Hasen gefangen – zweimal!
– Wir haben uns etliche Male den Hintern verbrannt, machten uns in einem Geisteranwesen unsichtbar und bezwangen den Geisterkönig mit einer „Füdli-Stampf-Attacke“.
– Wir wähnten uns im Inneren einer riesigen Uhr wieder und vollbrachten – auch notwendigerweise – die schönstmöglichen, akrobatischen Kunststücke.
– Wir entdeckten in Peaches Schloss Geheimgänge und geheime Sterne.
– …und wir hatten vor allem eines: Zusammen jede Menge Spass.

Super Mario 64, N64 / 1996 (Quelle: mobygames.com)

Als Bowser in einem nervenaufreibenden Kampf dann endlich besiegt war, wir mussten ihn immerhin diverse Male an seinem Schwanz packen und ihn zielgenau in explosive Stachelbomben ausserhalb der Kampfarena werfen, und unserem Theo bewusst war, dass er nun die Prinzessin gerettet hat, war es da, dieses zuckersüsse kleine Freudentränchen. Das Lob von Papa war ihm gewiss und selbiger mit riesigem Stolz erfüllt. So lange hat sich Theo auf den Tag der Befreiung der Prinzessin gefreut. Nun ist er da – und mit ihm die riesige Freude eines kleinen Kindes, das sich auch über ein Vierteljahrhundert nach Miaymotos Geniestreich von Super Mario 64 hat faszinieren lassen.

Ein Spiel für die Ewigkeit. Ein Spiel für Generationen. Ein Spiel wie kein anderes. ❤️

Veröffentlicht von radiant_ch

Pilger Hyperions, Hubraum-Prediger, Wort-Kreator & stolzer Papa. Gamer mit 30+ Jahren Erfahrung und Metalhead aus Leidenschaft.

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