Wenn in letzter Zeit ein Videospiel die Wandlung vom Saulus zum Paulus hinbekommen hat, dann ist das wohl Cyberpunk 2077 – und das spätestens mit dem Phantom Liberty-Add-on. CP2077 reiht sich somit ein in eine nicht kleine Liste von Spielen, deren Start rau war, wenn nicht sogar komplett in den Sand gesetzt worden ist. Spiele, die im Vorfeld mit Features beworben worden sind, die dann aber bei Veröffentlichung gar nicht verfügbar waren. Driveclub, No Man’s Sky, Final Fantasy XIV.. und nun auch CP 2077.
Das gesagt.. CP 2077 ist nach wie vor weit weg von Perfektion. Gewisse Systeme sind nach wie vor etwas lächerlich respektive lapidar – und auch (visuelle) Bugs gehören noch zur Tagesordnung, obgleich man sie dieses Mal fast schon suchen muss (aber eben nicht nur). Trotzdem ist das, was man nun spielen kann, wesentlich (!) stabiler, flüssiger, kohärenter… spassiger! Die Devs können nun ein Produkt, ein Spiel, präsentieren, das zu kaufen sich definitiv lohnt. Auch wenn der Schatten der Vergangenheit wohl wie ein Furunkel am Arsch kleben bleibt.

Dennoch: In einigen Bereichen muss kein anderes Spiel dem CD Projekt RED-Titel etwas vormachen. Atmosphäre, das Design dieser gigantischen futuristischen Grossstadt, mit seiner Mini-Agglo ausserhalb der Stadtgrenzen und den riesigen Müllbergen, in denen man sich ohne weiteres verlieren kann.. das Gefühl, das man für das politische Gefüge der Stadt (oder ihrem Platz in der Welt) bekommt… das sind Dinge, die CP 2077 zusammen mit dem von Beginn weg tollen Storytelling – und der tollen Story an sich überhaupt! – hervorragend auf die Reihe bekommt. Nun passen mittlerweile auch Gameplay und Technik und man kommt eigentlich gar nicht drum herum, als all jenen eine Kaufempfehlung auszusprechen, die etwas mit First-Person-Rollenspielen und SciFi-Setting anfangen können.

Das diesem Review zugrunde liegende Add-on, Phantom Liberty, welches darüber hinaus gar nicht mehr für die alten Krücken erschienen ist, macht da keine Ausnahme. Es baut auf der nun ausbaufähigen Grundlage aus und liefert dem geneigten Käufer rund 20h zusätzliche Story und eine neu zugängliche, zuvor allerdings schon „vorhandene“ Sektion von Night City: Dogtown. Eine von (auch militärischen) Machtspielchen und Korruption geplagte „Unterstadt“, die fast schon so etwas wie in direkter Konkurrenz zur Aussenwelt steht, die strenge Zu- und Ausfahrtsstellen inkl. Selbstschussanlagen hat und der Inbegriff von „heruntergekommen“ ist. Genau dort ereignet sich der – inszenierte? – Absturz der Präsidentin der New USA und unsere V gerät, ob sie will oder nicht, ins Zentrum eines wirklich gelungen umgesetzten Spionage-Thrillers, der sich story- wie aber auch gameplaytechnisch wohlig von der eigentlichen Hauptmission abhebt. Sicherlich, wer den Rambo mimen will, kann das auch weiterhin. Aber Phantom Liberty setzt speziell zu Beginn, aber auch in späteren Missionen, verstärkt auf einen Stealth-Faktor, der auch wirklich Spass macht. Es ist nicht gerade Metal Gear in Ego-Perspektive, aber dennoch mehr als brauchbar.

Ich habe mit einigen Entscheidungen noch mehr gerungen als im Hauptspiel und die stringenten Missionen verknüpfen sich gegen Ende hin zu einem grossartigen Ganzen, dessen multiple Enden man sich nur zu gerne zu Gemüte führt. Persönlich habe ich glaube ich deren drei erspielt und war mit jedem davon wirklich zufrieden. CP2077 gehört somit inklusive Phantom Liberty-Zusatz zu der Art von Spiel, das zwar nicht perfekt ist, von dem man aber irgendwie trotzdem nicht die Finger lassen kann
… ich bin froh, haben sie die Kurve damit noch gekriegt. Es wäre zu schade gewesen um die hervorragenden, teils vielleicht sogar wegweisenden Designs. Und obwohl’s einerseits jetzt natürlich schade ist, dass es keine weiteren Inhalte dafür geben wird, so kommt ja trotzdem der Nachfolger. Der ist natürlich noch x Jahre entfernt, und kommt dann in einem hoffentlich wesentlich besseren Status in die Läden, aber die Vorfreude darauf ist gross. Egal ob 1st- oder 3rd-Person (diese Entscheidung ist ja noch nicht getroffen worden).
Merci, CDPR!
8.5/10